Zeitzeugen

Sch?ºler h??ren Berichte, die sprachlos machen


Sch?ºlerinnen und Sch?ºler der TLS und eine polnische Zeitzeugin

„Da wusste ich, dass ich keine Eltern mehr hatte“.

Als „Zeitzeugen“ waren die sechs polnischen Männer und Frauen in die Theodor-Litt-Schule (TLS) gekommen. Sie legten den Neunt- und Zehntklässlern der Haupt- und Realschule gegenüber persönliches Zeugnis ab von einer Zeit, die die jungen Menschen von heute aus dem Geschichtsunterricht kennen. Aber dort geht es um Politik und Ideologie, um Daten, Fakten und Zahlen. Geschichte bleibt oftmals unpersönlich – so lange, bis ein Mensch seine persönliche Geschichte erzählt. So wie nun Henriette Kretz: Die polnische Jüdin wurde 1934 in Lemberg geboren. Ihre Kindheitserzählung lässt ihre Zuhörer sprachlos zurück. Da ist die Diskrepanz zwischen den ersten Jahren ihrer Kindheit auf der einen Seite, „der glücklichsten Zeit in meinem Leben“, mit Kartoffeln aus dem Feuer und geklauten Äpfeln, mit Weiden, Wäldern und einem großen Hund als Kamerad, vor allem aber mit Eltern, die dem Kind Liebe und Geborgenheit schenkten; und der jahrelangen Flucht und dem Verstecken vor den deutschen Mördern auf der anderen Seite. Und immer wieder die Reflexion des Kindes, dem sich nur ganz allmählich erschließt, was es einfach nicht begreifen kann: „Ich begann zu verstehen, dass es scheinbar keine gute Sache war, Jude zu sein.“ Verstörend auch, wenn Henriette Kretz fast humorvoll zu einem Bild, das sie auf einem Pferd sitzend zusammen mit ihren Eltern zeigt, erzählt, dass das Pferd nicht jüdisch gewesen und darum auch als einziges nicht von den Nazis zum Tod verurteilt gewesen sei.

Von Judenerschießungen in den umliegenden Wäldern hörte die Familie damals, kurz danach wurde Henriette zusammen mit anderen Kindern gefangengenommen, mit vorgehaltener Waffe: „Ich wusste, so führt man Verbrecher ab.“ Im Gefängnis aß sie nichts, denn lieber habe sie verhungern wollen als erschossen zu werden. Und auch das ein unvorstellbares Bild: Einmal sei die Zellentür aufgeflogen, hinter der sie mit mehreren Frauen zusammen ausharrte, und ein eben neugeborenes, noch blutverschmiertes Baby sei hereingeworfen worden, das Kind einer Jüdin, die man kurz danach ermordete.

Henriette kam wieder frei und fand ihre Eltern in einem Ghetto wieder. „Dort spielten wir Kinder sogar: Juden und Deutsche; die Deutschen mussten die Juden fangen.“ Perverse Szenen einer Kindheit unter unmenschlichen Bedingungen. Und inmitten der ständigen Todesangst staunte das damals achtjährige Mädchen: „Es waren milde Nächte, die Sterne standen am Himmel, die Natur war unverändert.“

Einen ganzen Winter verbrachte Henriette mit ihren Eltern in einer dunklen Kohlengrube, in der sich die Familie versteckt hielt: „Meine Eltern erzählten mir alle nur denkbaren Geschichten und Märchen, sonst wäre ich verrückt geworden.“ Dennoch wurde die Familie letzten Endes aufgespürt, verraten von einem anderen Juden, der sich dadurch vor den Nazis zu retten hoffte. Als die Familie abgeführt wurde, begann der Vater einen Kampf mit den Peinigern, Henriette floh. Sie hörte es hinter sich schießen, die Mutter schrie, es schoss noch einmal, dann war alles still. „Da wusste ich, dass ich keine Eltern mehr hatte.“ Sie rannte weiter und immer weiter, entkam, übernachtete im Freien und erreichte schließlich mit viel Glück ein Waisenhaus, wo sie Zuflucht fand. Einen Monat später hatte die Sowjetarmee die Deutschen in diesem Teil Polens, der heute zur Ukraine gehört, bezwungen.

„Fragt uns, wir sind die letzten“, so ein Motto der Zeitzeugen, die unterwegs sind und zu jungen Leuten sprechen, um mit Hilfe ihrer eigenen durchlittenen Geschichte die Zukunft mit zu gestalten. Die Brücke aus der Vergangenheit über das Jetzt hinein in die Zukunft ist leicht herzustellen: „Ausgrenzung beginnt ganz schnell, auch hier in der Schule; ein Grund findet sich immer.“ Da reicht es, dass einem die Nase, die Kleidung oder eben die Hautfarbe des anderen nicht passt. Henriette Kretz' Bitte an ihre jungen Zuhörer: „Seht einen Menschen immer als Mensch.“

Organisiert hatte den Besuch der Zeitzeugen in der Theodor-Litt-Schule die Fachschaft Religion, darunter auch Gemeindepädagogin Eva Heldmann, die von Seiten des Evangelischen Dekanats Odenwald an der TLS arbeitet.

(Text: Bernhard Bergmann 12.4.2011)