Theodor Litt, 27.12.1880 - 16.07.1962
Theodor Litt - und seine Verbindung zu Michelstadt
Wer war Theodor Litt? Warum trägt die Haupt- und Realschule in Michelstadt seinen Namen? Fragen, die sehr häufig gestellt werden, weil die Zusammenhänge in unserer schnelllebigen Zeit zu rasch verloren gehen.
Die Bindungen Theodor Litts zu Michelstadt sind persönlicher und familiärer Art. Sein Großvater Heinrich Theodor Litt, am 05.06.1818 in Worms geboren, arbeitete als großherzoglicher Reallehrer an der Michelstädter Realschule. Er heiratete am 19.12.1844 die Michelstädterin Ernestine Charlotte Creutz (geboren am 04.06.1823 in Michelstadt), die Tochter des Wirtes "Zum Preußischen Hof", dem heutigen Odenwaldmuseum. Der Bruder von Ernestine Charlotte Creutz war Besitzer des Hotels "Zum Löwen" am Michelstädter Rathaus und 1865 Gründer der Gelatinefabrik Creutz in Steinbach. Von 1842 bis 1883 war Heinrich Theodor Litt in Michelstadt im Schuldienst.
Am 03.12.1848 wurde der Sohn Ferdinand geboren, der Vater Theodor Litts. Hier in Michelstadt besaßen Heinrich Theodor Litt und seine Frau Ernestine Charlotte von 1867 bis 1903 das Haus Erbacher Straße 11, neben dem alten Michelstädter Amtsgericht, wo bis 1937 die Hauptverwaltung der AOK untergebracht war. Der Großvater starb am 18.12.1902, die Großmutter am 06.6.1907. In einem besonders angelegten Teil des alten Friedhofes von Michelstadt, in der Nähe der alten Kapelle, finden wir bei den Grab- und Gedenksteinen verdienter Bürger der Stadt auf einem alten Gedenkstein aus Sandstein mit eingelegter Marmorplatte die Namen des großherzoglichen Reallehrers Litt und seiner Frau.
Hier in der Heimatstadt seiner Großmutter und der Geburtsstadt seines Vaters war der in Düsseldorf geborene Theodor Litt erstmals 1883 zu Besuch. Der Vater Ferdinand Litt war mit Maria Dimmers verheiratet und als Oberlehrer in Düsseldorf tätig, kam aber häufig mit seinem Sohn in den Odenwald, in seine Heimatstadt Michelstadt. Bei den Großeltern verlebte Theodor Litt fast alle Ferien während seiner Schulzeit. Damals entwickelte sich seine große Anhänglichkeit und Liebe zu Michelstadt, wo er immer wieder zu Besuch war. Acht Monate vor seinem Tod, am 20.11.1961, kam Theodor Litt mit seinem ehemaligen Schüler Prof. Ernst Schütte, dem damaligen Hessischen Kultusminister, letztmals nach Michelstadt. Er schrieb in das Goldene Buch der Stadt: "1883 zum ersten Mal in Michelstadt; 20. November 1961 außerordentlich freundlich auf dem alten Rathaus, dem altvertrauten, begrüßt: das ist eine wahre Herzenserquickung! In aufrichtiger Dankbarkeit Theodor Litt."
Theodor Litt hatte bei dieser Reise noch in Jugenheim vor Studenten des Pädagogischen Instituts einen Vortrag gehalten. Alle, die ihn als Redner erlebt haben, sprechen noch heute voll Respekt und Staunen über seine rednerische Begabung. Litt sprach ohne Manuskript, druckreif, ohne Versprecher und Wiederholungen. Seine Vorträge waren ein Hörgenuss. Er wird sogar von Rudolf Schottländer (emeritierter Professor an der Humboldt Universität in Ost Berlin) für den "besten Redner im akademischen Bereich" bezeichnet (Hessischer Rundfunk 20.12.1980).
Am 16.07.1962 starb Theodor Litt in Bonn. In Erinnerung an den großen Philosophen und Pädagogen verlieh der Hessische Kultusminister Schütte mit Erlass vom 01.10.1963 der Stadtschule Michelstadt den Namen "Theodor-Litt-Schule". Die eigentliche Namensgebung fand in einer Feierstunde am 02.12.1963 im Saal des "Schmerkers Garten" statt. Kultusminister Professor Ernst Schütte hielt die Festansprache in Anwesenheit des Sohnes Walter Rudolf Litt und übergab Bürgermeister Erwin Hasenzahl und Rektor Ludwig Walther eine Urkunde. An dem damaligen Schulgebäude, der heutigen Grundschule, wurde eine Gedenktafel mit dem Namen der Schule enthüllt. Diese Tafel befindet sich noch am oberen Torbogen des Mittelbaus. Als 1973 die Haupt und Realschule in das neue Gebäude an der Landrat-Neff-Straße umzog, nahm sie den Namen Theodor Litts mit. Die ehemalige Stadtschule heißt seitdem "Grundschule des Odenwaldkreises" und steht unter eigenständiger Leitung.
Theodor Litt wurde am 27. Dezember 1880 in Düsseldorf geboren und besuchte das Gymnasium seiner Geburtsstadt, studierte in Bonn Altphilologie, war Lehramtskandidat in Bad Kreuznach und wurde anschließend Lehrer am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Köln. Am 22. Oktober 1910 verheiratete er sich mit Claire Anne Hedwig Schöller. Nach kurzer Kriegszeit wurde Theodor Litt im Jahre 1918 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in das preußische Kultusministerium berufen.
Theodor Litt - ein kritischer Erzieher unserer Zeit
Theodor Litt promovierte mit einer lateinisch geschriebenen Dissertation und war 14 Jahre lang Gymnasiallehrer, ehe er in die akademische Laufbahn eintrat. Die Kulturpolitik nach dem Ersten Weltkrieg begünstigte die Kombination von wissenschaftlicher Philosophie und Theorie der Erziehung. So wurden Persönlichkeiten, die zuvor lange Zeit Lehrer an höheren Schulen gewesen waren, auf Lehrstühle berufen, die einen in solcher Weise qualifizierten Amtsinhaber erforderten.
Zuerst kam Theodor Litt 1919 für das Fach Pädagogik an die Universität Bonn, im darauffolgenden Jahr als Ordinarius in Leipzig für Philosophie und Pädagogik als Nachfolger des berühmten Eduard Spranger. 1932 war Theodor Litt Rektor dieser Universität. Mit den ungefähr gleichaltrigen Kollegen Eduard Spranger in Berlin und Hermann Nohl in Göttingen war er nicht nur in Freundschaft, sondern vor allem dadurch verbunden, dass alle drei in Wort und Schrift die Zusammenführung von Philosophie und Pädagogik repräsentierten.
Fest und besonnen trat er dem Treiben der nationalsozialistischen Studenten entgegen. Diese bezichtigten ihn öffentlich "vaterlandsloser Gesinnung". Nach der Machtergreifung Hitlers, als angesehene Philosophen und Historiker willig Gefolgschaft leisteten, lehnte Litt es ab, dem Nationalsozialismus geistige Waffen zu dessen Begründung zu liefern. Er gehörte zu den akademischen Beratern des Leipziger Oberbürgermeisters Goerdeler, der zur Opposition gegen Hitler gehörte und nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet wurde.
Als Alfred Rosenberg in seinem "Mythos des 20. Jahrhunderts" das Christentum als unvereinbar mit dem deutschen Wesen bezeichnete, trat Litt mit seiner Schrift "Der deutsche Geist und das Christentum" mit überlegener Ruhe und Sachlichkeit dieser Auffassung entgegen. Leipzig war der Sitz des Reichsgerichts. Dadurch fühlte er sich veranlasst, seinen Protest gegen die nationalsozialistische Justiz in die öffentlich in der Vorlesung ausgerufenen Worte zu kleiden: "Das Reichsgericht da drüben spricht nicht mehr Recht!"
Wegen dieser prinzipiellen Konflikte mit dem nationalsozialistischen Regime ließ er sich auf eigenen Wunsch im Jahre 1937 von seinem Amt entbinden und wurde zwangsemeritiert. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurde Litt 1945 auf seinen alten Lehrstuhl zurückberufen. Schwierigkeiten mit den neuen Machthabern in Leipzig veranlassten Theodor Litt, einen Ruf an die Universität Bonn anzunehmen. Dort rief er 1947 als ordentlicher Professor für Philosophie und Pädagogik das Institut für Erziehungswissenschaften ins Leben, das er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1952 leitete. Von da an war er bis zu seinem Tod am 16. Juli 1962 noch rastlos als akademischer Lehrer, Gutachter in verschiedenen Gremien und Verfasser wissenschaftlicher Werke tätig.
In Würdigung seiner Verdienste wurde er mit der Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft, der Friedensklasse des Ordens Pour le mérite, dem großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband und dem Österreichischen Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet. Darüber hinaus war er Mitglied der Akademie für Wissenschaft in Berlin, der Bayrischen Akademie der Wissenschaften und der Sächsischen Akademie der Wissenschaften.
Zitate
Nicht darauf kommt es an, welche Mittel der Mensch beherrscht, sondern welche Zwecke er sich setzt.
(Theodor Litt, Das Bildungsideal der deutschen Klassik und die moderne Arbeitswelt, Bochum, o.J., Seite 99)
Humanität ist Zusammenklang der Stimmen, die in Herz und Hirn des Menschen laut werden. Von solchen Voraussetzungen aus kann als "menschlich", als Beitrag zur Verwirklichung der Humanität nur anerkannt werden, was sich dem Ganzen des menschlichen Seins reibungslos einfügt.
(Theodor Litt, Das Bildungsideal der deutschen Klassik und die moderne Arbeitswelt, Bochum, o.J., Seite 111)