Kinder und Medien
In Ergänzung zum Elternabend am 24.08.2011 erhalten Sie hier eine Zusammenfassung, die Günter Steppich, IT-Fachberater für Jugendmedienschutz am Staatlichen Schulamt für Wiesbaden und den Rheingau-Taunus-Kreis,
unter www.medien-sicher.de / steppich@medien-sicher.de veröffentlicht hat:
Infoblatt zum Jugendmedienschutz
Im richtigen Leben schützen Sie Ihre Kinder vor Gefahren!
Warum tun Sie es dann nicht auch im Internet?
• „Medienkompetenz“ bedeutet an den Schulen bisher Vermittlung rein technischer Kenntnisse zu Hard- und Software. Das Thema Jugendmedienschutz wird weder im Lehrplan Informatik von 2008 noch im ECDL (Europäischer Computerführerschein) erwähnt.
• Die Risiken der unbedarften Nutzung von Computern, Internet und Handys betreffen sämtliche Lebensbereiche Heranwachsender und können deren Schulkarrieren massiv belasten (siehe Grafik).
• 80%...
...der Eltern halten die Computer- und Handynutzung ihrer Kinder für völlig unproblematisch.
...der 12-19jährigen sagen: "Meine Eltern haben keine Ahnung, was ich damit mache!"
...der 12-19jährigen haben bereits unangenehme Medienerfahrungen gemacht: Datenouting, Pornographie, sexuelle Belästigung, Gewaltvideos und -spiele, Online-Mobbing, Extremismus, Drogen, Magersuchtwebsites, Computer(spiele)sucht, etc...
Nur 8% erzählen ihren Eltern von diesen Negativerfahrungen!
In den meisten Fällen zeigt sich als entscheidender Hintergrund eine alarmierende Ahnungslosigkeit der Eltern, die nicht einmal ansatzweise wissen:
• was Kinder mit PCs, Internet und Handys überhaupt anstellen können,
• was sie tatsächlich damit machen, auf welchen Webseiten sie sich bewegen, welche persönlichen Daten sie preisgeben und welchen Gefährdungen sie sich aussetzen,
• zu welchen Uhrzeiten, in welchem zeitlichen Umfang und mit wem sie das tun,
• welche rechtlichen Konsequenzen bei unvorsichtiger und unbedarfter Nutzung Neuer Medien drohen.
Die brisantesten Wissenslücken von Eltern und Lehrkräften:
• Heranwachsende leben heutzutage online. Jede/r zweite Jugendliche hat einen Computer mit Internetzugang im eigenen Zimmer, auch schon jeder fünfte unter 13jährige.
• Sie sind, häufig ohne Wissen ihrer Eltern, in Portalen wie SchülerVZ.de, Knuddels.de, Wer-kennt-wen.de oder Facebook.com angemeldet und kommunizieren über Chat-Programme wie MSN, ICQ und Skype.
• Darin veröffentlichen sie aus Unkenntnis leichtsinnig Unmengen persönlicher Daten und Fo-tos.
• Im SchülerVZ (www.schuelervz.de) sind aktuell ca. 6 Millionen Kinder und Jugendliche an-gemeldet! Jedes 2. Profil ist dabei ungeschützt, wodurch es ein Leichtes ist, anhand der persönlichen Angaben komplette Persönlichkeitsprofile vieler Kinder und Jugendlicher zu erstellen und deren Tagesablauf nachzuvollziehen, z.B. auch Schulweg und Freizeitaktivitä-ten. Vor allem Mädchen sind dadurch erheblich gefährdet.
• Jede/r zweite stellt ungefragt Fotos von Familienangehörigen und Freunden ins Internet.
• Das komplette Spektrum schwer jugendgefährdender, entwicklungsbeeinträchtigender und strafrechtlich relevanter Inhalte ist im Internet uneingeschränkt für jedermann abrufbar.
• Jugendgefährdende Darstellungen wie Hardcorepornos und Tötungsvideos sind im Internet frei zugänglich und werden dann per Handy („Bluetooth“) verbreitet. Jeder 2. Jugendliche
hat Pornofilme gesehen, jeder 3. kennt reale Tötungsvideos („snuff videos“).
• Für Teenager selbstverständliche Begriffe wie Happy Slapping, Snuff Videos, Filesharing oder Bluetooth sind für die meisten Erwachsenen Fremdworte.
• Es gibt einen klar erwiesenen Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Schulversagen. Stichwort: Jungenkrise! (Studie des Krim. Forschungsinst. Niedersachsen)
• Einer KFN-Studie von 2007 zufolge sind die PISA-Verlierer Opfer ihres Medienkonsums!
• 8% der 15jährigen Jungen (~37.000) gelten als PC-Spiele-süchtig oder stark gefährdet.
• 15jährige Jungen verbringen im Durchschnitt täglich 141 Minuten mit Computerspielen, je-der dritte sogar mehr als 180 Minuten?
• 15jährige Mädchen verbringen durchschnittlich 6 Stunden am Tag vor Bildschirmen, Jungen sogar 7,5 Stunden ???? PISA!.
• Auf über 1000 deutschsprachigen Websites werden Magersucht und Bulimie verherrlicht.
• Jeder 3. Teenager hat Erfahrungen mit Online-Mobbing. In Online-Portalen gibt es „Hass-Gruppen“ gegen ungeliebte Mitschüler und Lehrkräfte.
• Onlinebetrüger locken unbedarfte Heranwachsende gezielt in Kostenfallen. In Unkenntnis der Rechtslage (§108 BGB, kein Vertragsschluss durch Minderjährige) begleichen deren El-tern in ca. jedem 2. Fall die Kosten.
• Der illegale Download von Musik, Filmen und Software mittels Tauschbörsen-Programmen wird von den Rechteinhabern scharf verfolgt und kann zu fünfstelligen Schadensersatz-forderungen sowie strafrechtlichen Folgen führen. Hier gilt: Eltern haften für ihre Kinder.
• Das Einstiegsalter in die Neuen Medien sinkt z. Zt. pro Kalenderjahr um ein Lebensjahr. Nach einer Studie von 2009 surfen 71% der Grundschüler regelmäßig im Internet. Ab der 4. Klasse haben fast alle Schüler ein Handy (1998: 8%).
Dieses massive Problem erfordert intensive Aufklärung und Schulung von Kindern und Jugendli-chen, Eltern und Lehrkräften. Dazu ist ein flächendeckendes Konzept notwendig, das schon in den Grundschulen und den Eingangsstufen der weiterführenden Schulen ansetzt. Im Bereich des Staatlichen Schulamts Wiesbaden/RTK ist dieses Programm bereits angelaufen, die hessenweite Umsetzung ist in Planung.
So schützen Sie Ihr Kind:
• Bildschirme und Onlinezugänge gehören NICHT ins Kinderzimmer!
• Kümmern Sie sich um die Onlineaktivitäten Ihres Kindes, lassen Sie es nicht unkontrolliert und unbegrenzt surfen und spielen.
• Installieren Sie Kinder-/Jugendschutzsoftware: www.fragfinn.de, www.jugendschutzprogramm.de.
• Geben Sie Ihrem Kind keine Administratorrechte am PC.
• Machen Sie sich mit den Funktionen von PC und Handy vertraut.
• Legen Sie klare Nutzungsregeln fest.
• Halten Sie sich an Altersfreigaben und das Jugendschutzgesetz.
Quellen: (Auswahl)
• JIM/KIM-Studien (mpfs, 1998-2008)
• KFN-Studien: „“Medienkonsum und Schulerfolg“ (2008), „Die PISA-Verlierer – Opfer unse-res Medienkonsums“ (2007), „Computerspielabhängigkeit im Kindes- und Jugendalter“ 2009
• Universität Koblenz-Landau, „Merkmale pathologischer Computerspielnutzung“ (2008)
• CHIP-Studie „Kids am Computer“ (2008)
• www.jugendschutz.net, www.klicksafe.de
• Fraunhofer Institut: Studie „Privatsphärenschutz in Soziale-Netzwerke-Plattformen“ (2008)
• Hans-Bredow-Institut für Medienforschung, Hamburg: „Wen interessieren die Daten (2009)
• BITKOM-Studien, u.a. zur Mediennutzung durch Grundschüler (2009)
Beispiele:
Tötungsvideo
Frei zugängliche Hardcore-Pornoseite, auch mit sado/maso-Videos
Collage von Fotos wie sie auf www.schuelervz.de zuhauf in ungeschützten Profilen zu finden sind
Hassgruppe auf www.schuelervz.de